Vielen Dank an alle, die in den vergangenen Tagen für die Betroffenen von Missbrauch sowie um Veränderung in der Katholischen Kirche gebetet haben. Gebet – das ist keine Magie. Doch beten verändert. Nun geht es darum, dass sich die Kirche tatsächlich verändert und wir mit vereinten Kräften zu dieser Veränderung beitragen.

Was sind konkrete Dinge, die dabei helfen, dass der epidemische Missbrauch in der Katholischen Kirche aufhört?

Den ersten Schritt der Veränderung hat Franziskus in seiner Programmschrift „Evangelii Gaudium“ beschrieben: Die Kirche darf nicht blank und unversehrt bleiben, sie muss lernen, sich verbeulen zu lassen, um der Menschen willen, für die sie da ist. Sie wird in den kommenden Jahren einige Beulen abbekommen, will sie ihre Glaubwürdigkeit zurückgewinnen.

Eine Möglichkeit wäre, die vatikanischen Archive zu öffnen. Im Jahr 2001 ordnete Kardinal Joseph Ratzinger, damals Präfekt der Glaubenskongregation, an, dass weltweit Kopien aller Unterlagen über sexuelle Gewalt von Klerikern gegen Kinder und Jugendliche an seine Behörde geschickt werden müssten. Forschern und Strafverfolgern sind sie nicht zugänglich.

Die Kirche könnte auch ihr Gesetzbuch ändern, den Codex Iuris Canonici – dort gilt sexueller Missbrauch bislang als Verfehlung und nicht als Verbrechen. Und dann müsste die Debatte über den Zölibat und das Selbstverständnis der Priester geführt werden, wie das inzwischen so mancher Bischof fordert, über das Verhältnis der katholischen Kirche zur Sexualität und zur Homosexualität, zur Verbindung von Religion, Autorität und Macht. (Quelle: Süddeutsche Zeitung)

Wenn es um Missbrauch in der Katholischen Kirche geht, dann ist ein wesentliches Problem das Verhältnis von Amt und Macht, das sich in seiner negativen Form im Klerikalismus wiederspiegelt. Doch was kann man gegen Klerikalismus tun?

Ein reiner Appell an die priesterliche Standesethik, so notwendig er ist, wird nicht genügen. Man muss dem Klerikalismus entgegentreten, wo man ihn trifft. Ansonsten sollte man sich als Laie von klerikalen Priestern schlicht fernhalten. Das nimmt ihnen den Resonanzraum, den sie so dringend brauchen. Und klerikale Priester tun einem schlicht nicht gut. Gott sei Dank gibt es ja auch andere.

Grundsätzlich aber muss man die Frage offensiv angehen, wie das katholische Weihepriestertum seine Aufgabe im Volk Gottes jenseits seiner bisherigen massiv machtgestützten Form erfüllen kann. Sakramentale und jurisdiktionelle Ordnung der Kirche muss man unterscheiden, sie sind nicht identisch. Das Verhältnis von Jurisdiktion und Sakramentalität hat eine Geschichte und diese ist offen. Das katholische Weihepriestertum hat jedenfalls mehr Phantasie und Kreativität verdient, als gegenwärtig in seine Weiterentwicklung investiert wird.

Ich plädiere für seine gnadentheologische Zentrierung und eine viel größere Freiheit des Volkes Gottes, das konkrete Miteinander vor Ort charismen- und aufgabenorientiert selbst zu regeln. Nur so sehe ich die Chance, dass sich eine attraktive und flexible Vollzugsgestalt des katholischen Weihepriestertums entwickelt, die den Klerikalismus nicht mehr nötig hat. Es bräuchte auf dieser Basis dann auch eine grundlegende Reform der Priesterausbildung, die immer noch zu sehr auf eine künstlich geschaffene Einheitskultur hinausläuft. (Quelle: Katholisch.de/ Was ist Klerikalismus?)

Es braucht also einen neuen Blick auf das Amtspriestertum in der Katholischen Kirche. Um wirklich weiterzukommen, darf es in der Diskussion darüber keine Tabus geben.

Der Zölibat steht in Frage. Doch allein auf ihn zu blicken würde zu kurz greifen. Denn selbst wenn es mehr verheiratete Priester gäbe, bestünde immer noch das Problem, dass nur Männer zum Priesteramt zugelassen sind. Das fördert jedoch eine unausgewogene Kultur der „Männerbünde“. Insofern muss die Weihe von Priesterinnen ernsthaft diskutiert werden. Und auch der Umgang mit Homosexualität muss neu definiert werden. Zu glauben, dass schwule Priester die Ursache des Missbrauchs seien, ist ein Reflex, der auf die katholischen Morallehre zurückgeht. Mit einer solchen Perspektive wird jedoch das Phänomen des Missbrauchs in der Katholischen Kirche völlig verkannt. (Siehe: Interview mit Klaus Mertes, Stuttgarter Zeitung)

Viel ist zu tun. Für die meisten von uns besteht die Aufgabe darin, das Problembewusstsein wach zu halten und nicht zur Tagesordnung überzugehen. Dass das viel Kraft kostet, wissen alle, die sich um Veränderung bemühen. Doch im Vertrauen auf Gottes immer größere Liebe können wir diesen unbequemen Weg gehen – als Einzelne sowie als Kirche. Gott gebe uns den Mut, die Kraft und vor allem die Ausdauer dafür.